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Kulturelle Stolpersteine

von Thomas Schmid, Bangkok

Bee in Banana FlowerFoto: TIP-Archiv

Kultur setzt sich aus vielen Bausteinen zusammen. Dazu gehören unter anderem auch Kunst, Architektur, Küche, Literatur, Religion, Politik, farbenfrohe Feste sowie die Verhaltens- und Denkweisen, moralischen und ethischen Ansichten der Menschen einer bestimmten Kultur. Kultur ist demnach sowohl etwas materiell Greifbares als auch ein eher abstraktes, intellektuelles Konzept. Das ist uns eigentlich nichts Neues. Egal, ob wir nur auf Urlaub in Thailand sind oder uns das Land als zweite Heimat auserkoren haben, wir werden hierzulande häufig mit Verhaltens- und Denkweisen konfrontiert, die uns Mittel­europäern mitunter reichlich bizarr und fremdartig vorkommen. Das ist nur natürlich. Einem Thailänder, der Europa besucht, geht es bisweilen nicht anders. Schön und gut, an vieles kann man sich anpassen, es akzeptieren, es zu tolerieren lernen. Ich habe mich inzwischen zum Beispiel längst mit der Tatsache abgefunden, dass Thailänder niemals pünktlich sind. Es stört mich nicht und ich habe mir je nach Situation Methoden entwickelt, um mit dieser kulturell induzierten Unpünktlichkeit klarzukommen. Wenn ich Freunde zum Grillen einlade, bitte ich sie, um 18 Uhr da zu sein, obwohl ich geplant habe, den Grill erst um 19 Uhr anzuwerfen. Die paar Hanseln, die tatsächlich pünktlich aufkreuzen, unterhalte ich bis zum Eintreffen des Rests mit Getränken und Musik. Beinahe pathologisches Lügen scheint ebenso tief in thailändischer Kultur verwurzelt zu sein. Im europäischen Kulturkreis bedient man sich zwar auch gelegentlicher Notlügen, doch der feine Unterschied ist, dass man sich dabei dank des inneren Schweinehundes „schuldig“ fühlt, sich bewusst oder unbewusst Vorwürfe macht, dass man gelogen hat. Dieser innere Schweine­hund existiert im durchschnittlichen Thailänder nicht. Vielleicht liegt es daran, dass die Bewahrung des eigenen Gesichtes über alles geht, dass Gesichtsverlust nur durch Lügen abgewendet werden kann. Im Westen heißt es „Lügen haben kurze Beine“. Wer beim Lügen erwischt wird, verliert einen guten Teil seiner Vertrauens­würdigkeit. Notorische Lügner werden gar konsequent gemieden. In Thailand hat das Lügen einen ganz anderen Stellenwert, wird nicht ganz so ernst genommen, da es ja sowieso jeder auf Schritt und Tritt tut. Nochmals zurück zur Grillparty: Praktisch jeder thailändische Gast, der unpünktlich eintrifft, wird irgendeine Notlüge vorbringen. In Bangkok ist das meistens „der furchtbar schlimme Straßenverkehr heute“. Jedem der Anwesenden ist natürlich vollauf bewusst, dass es sich bei dieser Entschuldigung um eine Lüge handelt, denn meistens ist der Straßenverkehr nicht annähernd so schlimm wie angegeben. Außerdem hätte man ja auch frühzeitig von Zuhause wegfahren können. Doch wenigstens hat der Betreffende durch seine Lüge sein Gesicht bewahrt, und das ist das Einzige, was zählt. Aber wie bereits gesagt habe ich mich mit solchen kulturellen Unzulänglich­keiten arrangiert, kann sie tolerieren und sogar bis zu einem gewissen Maße verstehen.

Allerdings gibt es auch kulturelle Aspekte, die mir nach über 20 Jahren immer noch nicht einleuchten wollen, weil sie irgendwie jeglicher (westlicher) Logik entbehren. Das bedeutet nun nicht, dass ich sie nicht akzeptiere/toleriere, aber einleuchten tun sie mir halt nicht. Um Ihnen das ein wenig näher zu erläutern, bediene ich mich am besten einer thailändischen Seifenoper, die dereinst die ganze Nation in Atem hielt und auch heute mit Wieder­holungen immer noch stattliche Zuschauer­zahlen in ihren Bann zu ziehen imstande ist. Ihr Titel ist „Dschamlöi Rak“, was so viel wie „Gefangene der Liebe“ bedeutet. In dem melodramatischen Schundwerk wird die Heldin in einer der ersten Folgen vom männlichen Hauptdarsteller buchstäblich entführt, gefoltert und vergewaltigt. Was tut sie nach ihrem Horror­erlebnis (denn sie wird vom bösen Buben schließlich freigelassen)? Ruft sie die Polizei? Schleppt sie den Tunichtgut vor den Kadi? Rächt sie sich, indem sie ihm auflauert und ihm seinen Schniedelwutz mit einem Küchenmesser stutzt? Nichts von alledem! Während Violinen im Hintergrund schluchzen, entscheidet sie sich, dass sie ihm nun verpflichtet ist und ihm mit aller Kraft helfen muss, sich zu einem „besseren Mann“ zu wandeln. Wie bitte? Sie ist ihm verpflichtet?! Ich weiß, da schlackern Sie mit den Ohren, geneigter Leser. Sie müssen sich jetzt aber mit dem Gedanken anfreunden, dass die Heldin mitnichten vergewaltigt wurde. Stattdessen wurde sie vom Tunichtgut „geplampt“.

Dazu bedarf es weiterer Ausführungen. Vergewaltigung in Europa ist ein Akt, bei dem eine Person gegen ihren Willen von einer anderen Person zum Geschlechtsverkehr gezwungen wird. In Thailand – und jetzt halten Sie sich bitte fest, geneigter Leser, denn es wird eine wilde Achterbahnfahrt – gibt es jedoch mindestens zwei Formen von Vergewaltigung. „Khomkhüen“ bezeichnet das, was wir als Mittel­europäer unter Vergewaltigung verstehen. Allerdings existiert dann auch noch „Plam“. Das ist zwar auch erzwungener Geschlechtsverkehr, allerdings unter dem Versuch, die vergewaltigte Person „an sich zu binden“. „Plam“ ist also keine „echte“ Vergewaltigung und wird daher auch nicht als ein so schwerwiegendes Delikt angesehen (bzw. gerichtlich bestraft) wie „Khomkhüen“. Jetzt schlackern Ihnen aber zweifelsohne wirklich die Ohren, oder? Deshalb weiter in meinen Ausführungen, allerdings unter der Gefahr, dass ich Sie nur noch weiter verwirre. Also: „Khomkhüen“ ist Vergewaltigung, das wissen wir bereits. Damit eine Vergewaltigung aber als „Khomkhüen“ bezeichnet werden kann, bedarf es des Umstandes, dass die vergewaltigte Person (in aller Regel weiblich) die vergewaltigende Person (in aller Regel männlich) nicht persönlich kennt. Wird ein Mädchen/eine Frau also von einem Unbekannten zum Geschlechtsverkehr gezwungen, so ist das „Khomkhüen“, also Vergewaltigung im Sinne unseres westlichen Gebrauchs des Wortes. Dies steht auch in Thailand unter strenger Strafe. Nun zu „Plam“. Wird eine Person „geplampt“, so setzt dies voraus, dass sie den Täter kennt. Dabei bedarf es auch überhaupt keines sehr engen persönlichen Verhältnisses. Es genügt bereits, wenn man sich als Frau mit einem bislang unbekannten Mann beispielsweise in einer Bar auf ein Getränk zusammensetzt und mit ihm ins Gespräch kommt. Dann kennt man ihn bereits. Inzwischen sind ihre Ohren bestimmt ins Flattern übergegangen, geneigter Leser. Darum weiter im Text. Wir nehmen jetzt an, dass dieser „neue Bekannte“ der Frau auch sympathisch ist, denn das ist eine weitere Voraus­setzung. Sex mit ihm haben wollen, muss sie deshalb jedoch nicht, aus welchen Gründen auch immer. Allerdings ist der „neue Bekannte“ sehr stark an ihr interessiert. Spinnen wir unsere Geschichte also weiter. Der nunmehr sexuell aufgeheizte Herr bietet der Dame an, sie nach Hause zu bringen, denn um an seine Eroberung zu kommen, hat er nur eine einzige Möglichkeit zur Hand: Er muss sie „plammen“. Das tut er dann irgendwo auf dem Nachhause­weg auch. Er zwingt die Frau – auch unter Gewaltanwendung – zum Sex. Das versteht man unter „Plam“. Müsste ich eine Übersetzung für den thailändischen Ausdruck aus dem Ärmel schütteln, so wäre das vielleicht „erzwungene sexuelle Verführung“, auch wenn das nicht wirklich den Nagel auf den Kopf trifft. Es gibt etliche thailändische Begriffe, die einfach einer adäquaten Übersetzung entbehren. Dazu gehört beispielsweise auch „Krengdschai“, also der Akt der Unterwürfigkeit und Ehrerbietung gegenüber einem sozial Höhergestellten. Oft wird das als „Respekt“ übersetzt, doch das beschreibt den Ausdruck nur sehr ungenügend. Wir wollen aber unsere Geschichte nicht aus den Augen verlieren: Die Dame wurde nun also „geplampt“, und hier kommen wir zur vorher erwähnten Seifenoper zurück. Aller Wahrscheinlichkeit wird die „geplampte“ Dame sich verführt fühlen – wohlgemerkt nicht vergewaltigt! Und nun erliegt sie einer unwiderstehlichen „romantischen“ Verpflichtung gegenüber dem „Plammer“. Weshalb? Ganz einfach weil sie ja eigentlich schon an ihm interessiert war, es ihr verschiedene soziale Zwänge aber nicht erlaubten, den ersten Schritt zu tun und ein Liebesverhältnis einzuleiten. Das obliegt nämlich in einer chauvinistisch-patriarchalischen Gesellschaft wie Thailand ausschließlich dem Mann. Hätte sie den ersten Schritt zum Anbändeln unternommen, stünde sie als Flittchen da; ebenso wenn sie sich während des „Plammens“ nicht nach allen Kräften zur Wehr gesetzt hätte. Auf der anderen Seite hat sich der Mann durch das „Plammen“ als gestandener Hengst erwiesen und alle seine Kumpels klopfen ihm nun auf die Schulter. Es scheint nämlich der allgemeine Konsensus unter Thailands Herren­schaft zu bestehen, dass eine Frau, die sich mit einem bis dahin Unbekannten „mir nichts, dir nichts“ trifft und ihn daher kennenlernt, den Herrn praktisch zur Verführung und dem aufgezwungenen Geschlechts­verkehr einlädt. Sie hat im Endeffekt durch ihr Verhalten die Situation geradezu herausgefordert! In anderen Worten: Die so „Geplammte“ hat sich ihre Situation selbst zuzuschreiben. Da tut es auch nichts zur Sache, ob beim „Plammen“ Gewalt angewendet wurde, ob die Dame sich gewehrt hat oder vielleicht sogar Verletzungen davontrug.

In Mitteleuropa wäre es im Gegensatz dazu freilich ziemlich gleichgültig, unter welchen Umständen der Geschlechts­verkehr stattgefunden hat, ob die zum Sex Gezwungene ihren Angreifer wie auch immer flüchtig gekannt hat oder nicht. Es wäre ganz einfach und schlicht Vergewaltigung, denn der Sex wurde genötigt und fand gegen den Willen des Opfers statt. Nach diesen langatmigen Ausführungen verstehen wir nun auch besser, was Tourismusminister Chumpol Silpa-archa neulich gemeint hat. Er kommentierte auf den Fall einer 19-jährigen holländischen Urlauberin, die im Juli in Krabi angeblich von einem Einheimischen zuerst brutal geschlagen und sodann zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden war. Herr Chumpol meinte, das wäre keinesfalls Vergewaltigung gewesen, denn schließlich hätte das angebliche Opfer den mutmaßlichen Täter ja gekannt! In der Tat hatte sich die 19-Jährige an ihrem Geburtstag, den sie in Krabi feierte, von einem einheimischen Reiseführer zum Abendessen in einem Strand­restaurant einladen lassen. Dadurch „kannte“ sie ihn und der später stattfindende sexuelle Angriff war demnach „Plam“, und nicht „Khomkhüen“. Ein Aufschrei ging durch die ausländische Presse und zugegebener­maßen selbst viele Einheimische gaben sich in Internet­foren entsetzt über Herrn Chumpols Verlaut­barung. Wir müssen uns jedoch ins Gedächtnis zurückrufen, dass Herr Chumpol nicht alleine dasteht mit seiner Meinung, sondern dass ein ganzes Land wilder Hengste derselben Ansicht ist. „Plam“ ist halt ganz einfach nicht „Khomkhüen“, so schockierend das für einen Europäer auch klingen mag. Selbst ich zweifle bis heute an dieser reichlich verdrehten Logik, andere Kultur hin oder her. Da schließe ich mich auch Cees Koldijk an, dem Vater der „geplammten“ 19-jährigen Holländerin. Seine Tochter wurde während des Vorfalls vom Täter brutal misshandelt und wollte offensichtlich keinen Sex mit ihm haben. Vor allen Dingen fühlte sie sich aber nach der Tat ihrem Anschläger auch in keinster Weise verpflichtet. Koldijk, ein versierter Studio­musiker, hat inzwischen im Internet (http://www.youtube.com/watch?v=GRErWjo809g) ein selbst produziertes Musikvideo unter dem Titel „Der böse Mann aus Krabi“ (Evil Man from Krabi) eingestellt, das mittlerweile fast eine halbe Million mal abgerufen wurde. In seinem Lied prangert er an, dass der mutmaßliche Vergewaltiger seiner Tochter auf Kaution freigelassen wurde und bis auf Weiteres nach Lust und Laune „weiterplammen“ kann. Das Video rief Entrüstung und Ärger in einheimischen Polizei- und Regierungs­kreisen hervor, denn wieder einmal wurde das Image Thailands befleckt und man hatte das Gesicht verloren. Wenn man sich nur genauso aufregte über das höhlenmensch­artige Konzept von „Plam“, dann wäre ein weiterer interkultureller Stolperstein aus dem Weg geschafft. Aber ich fantasiere nur. dukas

Erschienen in der TIP-Ausgabe 2012-12-1

TROPICA Bungalow, Phuket-Patong
Sameros Gelato Cafe, Phuket
Global TV, Pattaya
AMAR International, Bangkok
Purion, Hua Hin
Siam International, Phuket-Patong
Konsulat Phuket
Phuket Language School, Phuket-Patong
Spotlight Bar, Chiang Mai
Soi Dog, Phuket
Thailand Ticket
Hinterindien