Content

„Thainess“ sollte mit Vorsicht genossen werden

Usnisa Sukkhsawat, Redakteurin für Reportagen bei der englischsprachigen Tageszeitung Bangkok Post, stellt in ihrer Kolumne klar und deutlich fest, dass die viel zitierte „Thainess“ nicht ausschließlich durch Friede-Freude-Eierkuchen-Aspekte definiert ist, sondern auch viele Schattenseiten birgt, die allzu gerne unter den Tisch gekehrt werden; übersetzt und [in eckigen Klammern] mit Kommentaren versehen von Thomas Schmid.

Thailand TänzerinnenFoto: pixabay

Die wichtigsten Straßenkreuzungen der Bangkoker Innenstadt waren [am 15. Januar 2015] wieder einmal für den Verkehr gesperrt und große Menschenmengen hatten sich angesammelt. Allerdings hatte das alles nichts mit politischen Demonstrationen zu tun [Im Jahr 2010 hatten die sogenannten „Rothemden“ das Gebiet um den CentralWorld-Einkaufskomplex mehrere Monate lang besetzt gehalten.]. Nein, es war uns lediglich von der Tourism Authority of Thailand [dem thailändischen Fremdenverkehrsamt TAT] aufgetragen worden, uns dort einzufinden, um mittels eines vorbeiziehenden Umzugs mit aufwendig dekorierten Festwagen, Volkstanz- und Musikgruppen und Bannerschwingern unsere „Thainess“ zu „entdecken“ [Der neueste TAT-Slogan, mit dem weltweit für Thailand als Urlaubsziel geworben wird, lautet „Discover Thainess“, also „Thainess entdecken“. „Thainess“ ist ein Kunstwort, das hervorheben soll, dass Thailands Kultur, Geschichte und Volksmentalität einzigartig auf der Welt sind und von keiner anderen Nation auf der Welt auch nur annähernd imitiert werden können. „Thainess“ soll demnach ausländische Urlauber aus Neugier nach Thailand locken, so malt man sich bei den Behörden aus.].

Es gab bei dem Umzug außerdem die dem Nationalepos Ramayana entlehnten Khon-Maskentänzer zu bestaunen, sowie den mythologischen Helden Phra Aphai Mani (der ein weibliches Seeungeheuer mit seiner magischen Flöte becircte), eine Replik der beeindruckenden königlichen Barke Suphannahong, Nora-Tänzer aus Südthailand, Nageltänzer [mit langen künstlichen Fingernägeln Luftfiguren beschreibende Tänzerinnen] aus Nordthailand und noch vieles, vieles mehr. Es war ein tolles Ereignis für kamerabewehrte Touristen, die unzählige Fotos zum Einstellen in den sozialen Medien oder in ihren Blogs schießen konnten. Der Umzug endete schließlich am Lumpini Park, wo unterschiedliche Zonen eingerichtet worden waren, in denen Verkaufsstände Produkte aus allen thailändischen Provinzen feilboten.

Das ganze Konzept des mit großer Fanfare aufgezogenen Umzugs war in sich selber sehr Thailändisch. Wir [Einheimische] lieben Festveranstaltungen mit vielen Lichtern und noch mehr Geräuschen und die Opulenz, mit der solche Veranstaltungen einhergehen, über alles. Und auch das Essen darf dabei nicht vernachlässigt werden. Essen liegt jedem Thailänder am Herzen. Essen steht dementsprechend auch im Zentrum jeder Festveranstaltung und jeder sozialen Zusammenkunft; und auch ansonsten wird es selbstverständlich entlang jeder Straße wie ein großes Abenteuer zelebriert.

Aber ist das wirklich schon alles, was „Thainess“ ausmacht? Ich gebe zu, dass alle Elemente, die in diesem farbenfrohen Umzug präsentiert wurden, Aspekte Thailands darstellten, die wir mit Vorliebe der Welt vorzeigen. Thailand ist gleichbedeutend mit uralten Traditionen, althergebrachter Kunst und Handwerkskunst, schneeweißen Sandstränden mit sich in der Brise wiegenden Kokospalmen, idyllisch lebenden Bergstämmen mit farbenreichen Trachten und hübschen Mädchen mit süßem Lächeln.

Doch um ehrlich zu sein, ist das alles lediglich eine „Disney“-Version von „Thainess“. Es ist diese verschönte Version, die man erhält, wenn man ein erkleckliches Eintrittsgeld zu sogenannten „Kulturshows“ bezahlt, in denen Schwertkämpfer buchstäblich die Funken stieben lassen und Tänzerinnen in glänzenden Seidenkostümen mit perfekt gegelten Haaren und überlangen falschen Augenwimpern ihre wohleinstudierten Routinen ableisten, um die Zuschauer zu unterhalten. Das ist das Thailand der auf Hochglanzpapier gedruckten touristischen Werbebroschüren komplett mit allen Superlativen, die den Autoren auch nur eingefallen sind.

Aber das ist bei weitem nicht alles, was „Thainess“ ausmacht. Genauso wie andere Nationen, so verfügen auch wir über eine humorvolle Seite, eine lächerliche Seite, eine perverse Seite, eine düstere Seite – alles Aspekte [unserer „Thainess“], die viele Einheimische entweder unter den Teppich kehren oder mit farbenfrohen Prospekten und Werbeanzeigen zu tarnen versuchen.

Man braucht eigentlich nur die täglichen Schlagzeilen der Boulevardblätter zu lesen. Auch sie beschreiben wahre Aspekte von „Thainess“, allerdings jene, die wir [auch uns selbst gegenüber] nicht zugeben wollen. Erst letzte Woche geisterte eine Mitteilung durch die Presse über eine Privatparty in einem örtlichen Spa, bei der die Kleidervorschrift „Badehandtuch oder nichts“ lautete. Die männlichen Gäste trugen das Erstere, die weiblichen das Letztere.

Partys wie die vorgenannte sind laut Unterwelt-Experte Chuwit Kamolvisit [Ein früherer Massagehaus-König, der später in die Politik ging.] nichts Neues. Er sagte, Etablissements, die solche Art von Partys regelmäßig anböten, gäbe es zuhauf in Bangkok. Ohne Zweifel durchkämmt die Polizei nun das ganze Land nach den [entwischten] männlichen Gästen, während sich die Damen inzwischen wohl zumindest in ein Handtuch oder einen dezenten Bademantel gehüllt haben dürften.

Dann gab es am selben Tag den Artikel über den Takian-Baum [ein tropischer Baum aus der Gattung Dipterocarpaceae], dessen Geist angeblich jemandem in einem Traum erschienen war und darum gebeten hatte, man solle ihn doch vom Grund des Chao Phraya-Flusses in Singburi bergen und ans Tageslicht bringen. Flugs schickte man einige Taucher ins Wasser und sie fanden tatsächlich einen riesigen Takian-Baumstamm auf dem Grund des Flusses. Er wurde geborgen und um seine Dankbarkeit zu bezeugen, gab der Geist des Baumes auch sogleich viele, viele Glücksnummern aus, die von den Dorfbewohnern auf der Rinde des Stammes freilich erst dann entdeckt wurden, als sie ihn mit Talkumpuder bestäubten.

Die Dorfbewohner gaben sich schockiert, als eine der anwesenden Damen offenbar von dem Schwestergeist des gerade geborgenen Stammes „besessen“ wurde und sie durch das Medium wissen ließ, er wolle ebenfalls geborgen werden, denn das Flusswasser wäre ihm viel zu kalt. Also begaben sich die Taucher auf einen erneuten Tauchgang und fanden einen weiteren Baumstamm, den sie ebenfalls an Land schafften. Beide Stämme werden jetzt im Dorftempel aufbewahrt, wo sie ohne Zweifel von Leuten aus nah und fern angebetet und mit Kerzen, Räucherstäbchen und Blumengirlanden [als Opfergaben] eingedeckt werden. Sicherlich wird auch viel Talkumpuder ins Spiel kommen, besonders an den Vorabenden der [jeweils zweiwöchentlich stattfindenden] Lotterieziehungen.

Ebenfalls noch einmal zu Gemüte führen sollten wir uns die ebenfalls an diesem gleichen Tag erfolgte Nachricht über die sechs [einheimischen] Surrogatmütter, die Rechtsverfahren gegen die Behörden einreichten, weil diese Ihnen angeblich ihre Babys weggenommen hatten, die allesamt von einem jungen Japaner gezeugt worden sein sollen, der unter Verdacht steht, in Thailand mindestens 15 Kinder über Surrogatmütter in die Welt gesetzt zu haben. Angeblich waren sie der Grundstock für einen Plan, mit dem der Japaner bis zu 1.000 Kinder haben wollte [als kleine Privatarmee, sozusagen]. In Thailand war es [bis zur Einführung eines strengeren Surrogatschwangerschaftsgesetzes] ein Leichtes, Surrogatmütter für diese Art von Dienstleistung aufzutreiben. Aber auch das ist ein Teil von „Thainess“. Thailänder sind glücklich, wenn sie ihr Essen mit jemandem teilen können – oder auch ihre Badehandtücher und Gebärmütter, vorausgesetzt natürlich, die Konditionen stimmen [Ein äußerst seltenes Beispiel von Sarkasmus aus der Feder eines thailändischen Autoren.].

Solche Nachrichten, mit denen wir beinahe tagtäglich konfrontiert werden, sind genauso Bestandteil von „Thainess“ wie farbenfrohe Festumzüge und Veranstaltungen. Das sollten wir nicht vergessen und schon alleine deswegen „Thainess“ mit einer gehörigen Portion Vorsicht genießen – und natürlich einem Lächeln auf den Lippen.

Erschienen in der TIP-Ausgabe 2015-2

TROPICA Bungalow, Phuket-Patong
Sameros Gelato Cafe, Phuket
Global TV, Pattaya
AMAR International, Bangkok
Purion, Hua Hin
Siam International, Phuket-Patong
Konsulat Phuket
Phuket Language School, Phuket-Patong
Spotlight Bar, Chiang Mai
Soi Dog, Phuket
Thailand Ticket
Hinterindien