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Der Farang, das facettenreiche Wesen

von Thomas Schmid, Bangkok

Farang am StrandFoto: TIP-Archiv

Eigentlich führt die Überschrift ein wenig in die Irre. Es geht nämlich nicht um die Gattung ‚Farang‘ im Allgemeinen, denn das schließe sowohl Männlein als Weiblein ein. Nein, stattdessen versteifen wir uns exklusiv auf das männliche Geschlecht, denn sie sind als Residenten oder Langzeiturlauber im Lande des Lächelns ungleich häufiger anzutreffen als das sogenannte schwächere Geschlecht. Wenn sich die Verhältnisse in den letzten beiden Jahrzehnten ein wenig angeglichen haben, so stellen die Männlein selbst heute aber auch noch unter den Kurzzeiturlaubern den weitaus größeren Anteil. Das hat einen bestimmten Grund. Wenn wir uns gegenüber ehrlich sind, so kann wohl nur eine Handvoll unter uns Langzeit-‚Farangs‘ ernster Miene behaupten, dass wir ins tropische Königreich umgesiedelt sind, weil wir von den wundervollen Tempeln so berückt waren; oder der berauschenden Natur, dem anheimelnden Klima (das während der heißen Jahreszeit so anheimelnd gar nicht ist). Nein, was die aller-aller-allermeisten von uns angezogen und festgehalten hat, ist die einheimische Weiblichkeit. Ich meine diese himmlischen Lotosblüten, die so weich und anschmiegsam, so ehrerbietig und sanftmütig sind, dass sie uns dereinst in ihren unwiderstehlichen Bann zogen.

Ach ja, die thailändische Maid. Ganze Wälzer wurden im Lauf der Jahrhunderte über das Verhältnis zwischen Lotosblume und bleichgesichtigem ‚Farang‘-Herrn verfasst. Wenn auch viele unter uns bisweilen schon seit Jahren mehr oder weniger glücklich mit einer einheimischen Samttigerin verheiratet oder anderweitig liiert sein mögen, so ist beim weitaus größten Anteil eine solche Bindung schon bald aus dem einen oder anderen Grund in die Brüche gegangen, nicht selten unter tragischen oder sogar gewalttätigen Umständen. In aller Regel sind es die kulturellen Unterschiede, die so vollkommen verschiedenartigen Erwartungen, die die beiden Partner ineinander haben, die den Ausschlag geben. Dabei darf man den holden Eingeborenenmaiden nicht unbedingt stets die Schuld in die Schuhe schieben. Immerhin waren wir es, die sie erobert haben, und nicht umgekehrt; oder zumindest belassen sie uns in orientalischer Weisheit in diesem Glauben. Denn egal ob Sie (der ‚Farang‘) sich dessen bewusst sind oder nicht: Im Grunde genommen haben sie uns geködert durch ihr exotisches Aussehen und ihre – oberflächlich betrachtet – so wunderbaren Charaktereigenschaften. Wie schade, dass wir uns durch reine Äußerlichkeiten so einfach beeindrucken ließen und prompt in die Falle tappten, was nicht gerade für unseren eigenen Intellekt und vor allen Dingen unser Menschenverständnis spricht.

Viele hören es nicht gerne, aber eigentlich sind wir selbst schuld. Die weitaus meisten unter uns haben erstens einmal ihre nunmehrigen Chimären in einer Bar oder zumindest im Barmilieu kennengelernt. Das kann in aller Regel nicht gut ausgehen. Eine Prostituierte ist nun einmal eine Prostituierte, egal ob das in Wanne-Eickel, Moskau oder eben in Thailand ist. Würden wir uns eine Ehefrau so ohne weiteres aus einem Striplokal am Ku’damm anlachen oder mit einer nachtschaffenden Künstlerin aus einem Bordell in Frankfurts Kaiserstraße nach drei aktionsgeladenen Bettenschlachtnächten vor den Traualtar treten? Mitnichten. Die bloße Andeutung eines solchen Vorschlags würde bei uns entrüstete Ablehnung hervorrufen. „Hast Du noch alle Tassen im Schrank? Für wen hältst Du mich?“ Umso erstaunlicher ist es daher, dass wir in Thailand diesbezüglich jegliche Räson zusammen mit allen Regeln der Selbsterhaltung im Bruchteil einer Sekunde über Bord kippen. Vielleicht haben bei uns ja die ständigen schwülen Temperaturen das Nachdenken verlangsamt, den Intellekt in Wackelpudding verwandelt. Sei es, wie es wolle, auf jeden Fall haben wir unseren Entschluss gefasst – und in vollem Bewusstsein, so lügen wir uns vor.

Dabei scheint es unter Thailands liebeshungrigen und heiratssüchtigen ‚Farang‘-Männlein einige Grundtypen zu geben, die ich versuchen möchte, darzustellen.

Der Ritter in schimmernder Rüstung: Seine selbst auferlegte Lebensaufgabe besteht, darin, unwahrscheinlich leidende Maiden aus den gierigen Krallen des Rotlichtmilieus unter allen Umständen zu erretten, vollständig ungewahr der Tatsache, dass die breite Masse eigentlich gar nicht gerettet werden will. Selbstverständlich würde ihm nicht einmal im Traum einfallen, eine entsprechende Heldentat für eine Bordsteinschwalbe in seinem Heimatland zu begehen. Die sind nämlich allesamt Schl****n und haben ihr Los verdient. Aber hier in Thailand, ja, da ist die Situation natürlich ganz anders. Die armen, ausgebeuteten und missbrauchten Jungfrauen schreien geradezu nach ihm und seinem blitzenden Siegfriedschwert, um aus ihrer mitleiderregenden Unbill befreit zu werden. Schon oft findet sich der einstmalige Retter jedoch bald selbst in der Situation des Opfers wieder, nämlich dann, wenn die Lotosblume größere und größere materialistische Forderungen stellt. Schließlich muss ja jemand für das eingebüßte Einkommen kompensieren; und wenn nicht der Ritter, wer dann sonst?

Der Wandschrank-Casanova: Zu Hause im tiefsten [gewünschten Ortsnamen einfügen], da haben ihn die einheimischen Maiden seit jeher links liegen gelassen und ignoriert. „Gekonnt“ hätte er schon, nur war „frau“ jemals weder an seiner suaven Persönlichkeit noch an seinem Testosteronspiegel interessiert. Wenn er sich tatsächlich einmal wagemutig in einen Flirt gestürzt hat, so ist ihm der entweder peinlichst misslungen oder er wurde in Windeseile abgeblitzt. In Thailand war es dagegen ein Klacks. Hier fielen ihm die Puppen gleich massenweise um den Hals. Besondere Flirtfähigkeiten oder außergewöhnlichen Charme musste man auch nicht an den Tag legen. Die Puppen umrudelten ihn dennoch. Nach ausgiebigem Kosten hier und da, hat er sich nach einiger Zeit (meist drei Tagen bis zu einer Woche maximal) dennoch auf eine versteift, die ihm besonders am Herzen (und an der stolzgeschwellten Brust) lag. In den Wind geschlagen wird, dass dies vielleicht nur der Fall war, weil er ihr eben die meisten Drinks spendiert hat, ihr die meisten Barauslösen zahlte, ihr großzügig Bargeld zusteckte und regelmäßig ihre Anfälle von „Shoppitis“ finanzierte. Nein, nein, ihre Liebesschwüre sind zweifelsohne echt. Umso unverständlicher ist es für ihn, wenn seine Auserwählte sich schon allzu bald in eine hasserfüllte Furie wandelt, sobald der erste Liebestaumel verflogen ist und das sich zunehmend verflüchtigende, sauer Ersparte rationiert werden muss. Nun hängt sie ihm nicht nur am Hals, sondern sogar an der Gurgel.

Der Hansdampf in allen Gassen: Auch in Deutschland war er beileibe kein Kostverächter und er besitzt ein sauber geführtes Album mit pikanten Fotos aller seiner Eroberungen der letzten Jahre. In Thailand ist er in seinem Element. Er hat Stil, er hat Charme, er hat Kohle. Außerdem nehmen es die Damen nicht übel, wenn er seinem Hobby nach Herzenslust frönt, denn „hierzulande scheint es ja wirklich jeder mit jedem zu treiben“, so hat er sich selbst überzeugt. Thailand ist für ihn ein wahres Paradies. Irgendwann wird er sich dennoch einmal zu einer festeren Liaison durchringen. Vielleicht, weil ihm das die Visum-Erneuerung erleichtert, möglicherweise aber auch nur, um sich einen statthafteren Gesellschaftsstatus zuzulegen. Das hindert ihn jedoch nicht daran, weiterhin in schöner Regelmäßigkeit „außer Haus zu essen“. Nachrichten verbreiten sich jedoch wie der Wind im Milieu und es dauert nicht lange, bis er von der Auserwählten zur Rede gestellt wird. Manchmal passiert nicht einmal das, sondern es wird sogleich und ohne Vorwarnung eine zerbrochene Bierflasche, ein scharfes Küchenmesser oder ein anderes Züchtigungsinstrument (bis hin zum großen Bruder mit seiner rabiaten Clique) eingesetzt. Unser Held versteht die Welt nicht mehr, denn anscheinend kann es in Thailand doch nicht jeder ungestraft mit jedem treiben.

Der liebe Opa, treue Ehemann: Wenn er in Deutschland jungen Röcken hinterher schielte, deren Trägerinnen seine Töchter oder gar Enkel hätten sein können, beschimpfte man ihn ungerechterweise manchmal als „alten, perversen Bock“. Wie wunderbar, dass das in Thailand doch überhaupt nicht so ist. Hier zuckt bei einem bisweilen ein stattliches Vierteljahrhundert betragenden Altersunterschied niemand mit der Wimper. Vor allen Dingen nicht die Herzdame, die einem seit geraumer Zeit ach so schöne Augen gemacht hat. Sie scheint gediegene, kultivierte, gut situierte Herren mit reichlich Lebenserfahrung wirklich zu mögen. Das hat selbstverständlich überhaupt nichts damit zu tun, dass da während der Balzzeit regelmäßig großzügige Stipendien an das frische, unverfälschte, zugeneigte Kind mit dem Herzen aus purem Gold vergeben werden. Dank solcher effektvoller Düngung blüht und gedeiht das zarte Gewächs der Liebe und wird alsbald beim Bezirksregistrar als phänomenale Neuzüchtung offiziell gemacht. Gerade reicht das Ersparte noch für ein bescheidenes Häuschen, das auf Land erbaut wird, das man „zu einem Vorzugspreis“ selbstverständlich von der Verwandtschaft der Lotosblume gekauft hat, die das Liebesglück tatkräftig unterstützen möchte. Eine Weile später und so langsam aber sicher welkt und verdorrt das zarte Pflänzchen. Ohne entsprechende Düngung aufgrund der recht mickrigen Rente des lieben Opas/treuen Ehemannes fehlt ihm einfach die Existenzgrundlage.

Der blauäugige Verleugner: Er mag vielleicht seine Herzensdame unter Umständen wie einer der vorangegangenen vier Typen erobert haben oder auf eine bislang noch nicht behandelte Art, aber über eines ist er sich felsensicher: Seine ist anders. Sie kommt zwar auch aus der Bar, hat vielleicht angeschafft und im Lauf ihrer Karriere mehr Kunden durchgebracht als er Haare auf dem Kopf hat, aber: Seine ist eben anders. Sie ist anders als alle anderen. In anderen Worten: Alle anderen haben eine, die gleich ist. Da tut es auch nichts zur Sache, wenn ihm wohlmeinende Kumpel die Neuigkeit zutragen, sie habe bereits seit Urzeiten einen einheimischen Ehemann/Boyfriend/Liebhaber, den sie regelmäßig „konsultiert“. Das kann nur üble Nachrede sein. Die Gerüchte, dass sie von Zeit zu Zeit mal wieder in der alten Bar auftaucht und sich Freier aufreißt, entbehren ebenfalls jeglicher Realität. Immerhin hat sie ihm doch mit Rehaugen versichert, sie besuche lediglich ein paar Freundinnen zum Austausch von Kochrezepten und für einen Damenplausch. Sie ist dem Glücksspiel verfallen? Sie besäuft sich oft? Alles Lügen, Lügen, Lügen. Und die Goldkette? Ja, die wurde ihr von Kriminellen auf einem Motorrad vom Hals gerissen. So hat sie ihm unter Krokodilstränen erzählt und daher gibt es an der Wahrheit der Geschichte auch nichts zu rütteln. Zum Trost hat er ihr sogleich eine neue Goldkette gekauft, eine dickere. So viel Treuherzigkeit, Anhänglichkeit und wahre Liebe muss belohnt werden, denn schließlich ist seine anders und nur alle anderen sind gleich. Währenddessen raufen sich die Kumpels die Haare und fragen sich mit Recht: Wie lange wird es wohl noch dauern, bis ihm seine Augen unsanft geöffnet werden?

Bestimmt gibt es noch weitere ‚Farang‘-Typen, die mir auf die Schnelle nicht eingefallen sind. Ach, Sie wollen noch wissen, zu welchem Typ ich mich persönlich zähle? Würde ich Ihnen gerne mitteilen, aber leider ist der Platz zu Ende und mehr gesteht mir unser strenger Chefredakteur keinesfalls zu.

Thomas, Du willst doch wohl nicht kneifen? In der nächsten Ausgabe räume ich Dir so viel Platz ein, wie Du zur Beendigung dieser Kolumne benötigst, zur Not schmeiß’ ich die Sport-Kolumne raus.

Erschienen in der TIP-Ausgabe 2011-08-2

TROPICA Bungalow, Phuket-Patong
Sameros Gelato Cafe, Phuket
Global TV, Pattaya
AMAR International, Bangkok
Purion, Hua Hin
Siam International, Phuket-Patong
Konsulat Phuket
Phuket Language School, Phuket-Patong
Spotlight Bar, Chiang Mai
Soi Dog, Phuket
Thailand Ticket
Hinterindien