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Gebrauchsanweisung zum Umgang mit Thailand-„Experten“

von Thomas Schmid, Bangkok

Haus im IsanHaus in einem Isan-Dorf – Foto: TIP-Archiv

Er war in den letzten zwei Jahren drei Mal in Thailand. Jedes Mal für ganze zweieinhalb Wochen. Die allermeiste Zeit verbrachte er dabei in Pattaya (oder genauer gesagt, in den diversen Bierbars Pattayas), abgesehen von einem kurzen dreitägigen Ausflug ins Isan-Dorf. Zu jenem kam es freilich nur, weil er von seiner Freundin (die übrigens ganz anders ist als die anderen und ihn über alles liebt) darum gebeten wurde. Dort vertiefte er sich so richtig in die thailändische Kultur und Psyche und weiß nun hundertprozentig, was Sache ist. Ja, er könnte sogar behaupten, nun fast schon ein richtiger Einheimischer zu sein. Er kann auch beinahe fließendes Thailändisch, was er sofort unter Beweis stellt, indem er der Bardame „Nüng Singh!“ zuruft. Auch Bangkok kennt er inzwischen wie seine Westentasche. Immerhin verbringt er die letzten beiden Tage vor dem Heimflug immer in der Sukhumvit Road, um – unter anderem – noch tüchtig einzukaufen. Er hat auch einen Geheimtipp parat, an welchem Straßenstand ein gefälschtes Polohemd zehn Baht weniger kostet als anderswo. Überhaupt kennt ihn ja sowieso jeder – wirklich jeder! – der Händler und würde es deswegen niemals wagen, ihn zu übervorteilen. Es hat nun einmal seine Vorteile, wenn man sich so gut in Thailand auskennt wie er. Er könnte auch das allerbeste deutsche Restaurant Pattayas nennen, „aber nur wenn es unter uns bleibt!“

Ist Ihnen auch schon einmal ein solcher Zeitgenosse über den Weg gelaufen, geneigter Leser? Sie wissen schon, jemand, der sich in allen Fragen, die Thailand betreffen, als absoluter und unanfechtbarer Experte ansieht. Diesen Status hat er sich seiner Meinung nach erworben, weil er ein paar Urlaube hier verbracht hat – und dann auch noch immer am gleichen Ort. Und wenn schon nicht als Thailand-Experte, dann profiliert er sich zumindest als Bangkok-Experte, Pattaya-Experte, Phuket-Experte oder was es sonst noch an Experten geben mag.

In meiner eigenen Sturm- und Drangzeit bin ich regelmäßig auf solche Typen gestoßen; nicht weil ich nach ihnen gesucht hätte, sondern weil sie sich einem früher oder später selbst aufdrängten. Diese Experten benötigen nämlich verzweifelt einen Ansprechpartner, ein Gegenüber, das ihnen geduldig zuhört und mit offenem Mund Geheimtipps und kulturelle Erkenntnisse größter Tragweite abkauft – und zwar ohne Widerspruch. Es ziemt sich daher, ab und zu Satzfetzen wie „Ach wirklich …!“, „Nein, echt …?“ oder „Ist ja unglaublich!“ auszustoßen, denn diese selbst ernannten Thailand-Experten brauchen diese Huldigung wie die Luft zum Atmen.

Es genügt eigentlich, sich an irgendeine Bar in einem der Touristenplätze zu setzen und dann zu warten. Irgendwann wird man mit einem Herrn ins Gespräch kommen, der sich nahezu sofort als Thailand-Experte zu erkennen gibt. Doch hier ist der Trick: Das Ganze funktioniert nur, wenn Sie sich selbst tarnen. Das heißt, sie müssen sich selbst wie ein Thailandneuling verhalten und ihrer neuen Bekanntschaft um Gottes Willen nicht gleich auf die Nase binden, dass Sie bereits seit 15 Jahren oder länger im Lande leben. Falls Sie das missachten, bläst der Thailand-Experte sofort zum Rückzug und verdünnisiert sich genauso schnell, wie er aufgetaucht war. Ihnen könnte er das Wasser nämlich nicht reichen und würde sich selbst als Aufschneider entlarven. Aber auch sein Ego würde zutiefst verletzt, denn er hat sich ja auch selbst eingeredet, dass er die höchste Instanz in Sachen Thailand ist. Wird ihm vor Augen gehalten, dass es Landsleute gibt, die nicht nur zweimal im Jahr als Urlauber nach Thailand kommen, sondern tatsächlich seit vielen Jahren hier leben und arbeiten, bricht für ihn eine Welt zusammen.

Am besten ist deshalb der Trick mit dem Dummstellen. Auf diese Weise erahnt der Experte in Ihnen, dem mutmaßlichen Grünling, ein willkommenes Opfer, dem er seine dummschwätzerischen Weisheiten und Erkenntnisse vorlabern kann. Hören Sie sich sein Gefasel ruhig eine Weile lang an. Es kann ganz amüsant sein, vor allem, weil es in aller Regel vor Naivität, Ignoranz, schierem Unwissen und dem Verzapfen von Unwahrheiten und der Verdrehung von Fakten nur so strotzt. Freilich wird er Ihnen aber auch Dinge erzählen, die so trivial sind, dass sie kaum als Expertenrat gelten können: „Vor dem Überqueren der Straße musst Du anders als in Deutschland hier immer zuerst nach rechts und dann nach links schauen, weil hier ja Linksverkehr herrscht.“ Anstatt angesichts solcher Offenbarungen müde zu gähnen, sollten Sie die Tarnung jedoch nicht fallen lassen, sondern weiterhin „Aha!“, „Ist ja interessant.“ oder Ähnliches murmeln.

Der selbst ernannte Experte wird selbstverständlich auch nach Ihrem Hintergrund bohren. Seien Sie aber auf der Hut, Ihre wahre Identität nicht zu früh preiszugeben! Sie müssen geschickt vorgehen, damit er keinen Verdacht schöpft. Sie wollen ihm aber auch nicht glatt ins Gesicht lügen, indem Sie angeben, sie wären ein Neuling. Das nähme er Ihnen später vielleicht übel. Reden Sie lieber um den heißen Brei herum. Machen Sie vage Angaben: „Ach ja, hier in Pattaya war ich jetzt schon ein paar Mal, aber nicht oft. Meistens bin ich ja in Bangkok.“ Damit ködern Sie den Pattaya-Experten. Oder sagen Sie, Sie wären zum allerersten Mal hier – womit Sie freilich nur die Bar meinen, an der Sie gerade sitzen. Jawohl, man muss ein wenig kreativ sein!

Trotz allen Spaßes, den Sie mit diesen mitunter furchtbar einfältigen Thailand-Experten haben werden, läuft aber schon bald das Maß über und man kann das unablässige Gefasel nicht mehr länger ertragen. Es wird also Zeit, die Tarnung fallen zu lassen. Dazu wartet man ab, bis man sein Bier fast ausgetrunken hat. Sind Sie des Thailändischen mächtig, bitten Sie die Kassiererin oder Barmaid in einheimischer Lingo um die Rechnung. Um den dadurch erzielten Effekt noch zu erhöhen, sollten Sie mit ihr auch noch ein kurzes Gespräch anstrengen. Es ist völlig egal, worum es sich dreht, denn der nun verdutzt neben Ihnen sitzende Experte wird sowieso kein Wort davon verstehen. Während Sie ihm sodann freundlich die Hand zum Abschied anbieten, eröffnen Sie ihm, dass Sie bereits seit 15 Jahren in Thailand ansässig sind. Bedanken Sie sich für das Gespräch: „Dieser Schwachsinn, den Sie mir in den letzten 20 Minuten mit Ihren angeblichen Insider-Tipps an den Latz geknallt haben … ehrlich, so gut habe ich mich schon lange nicht mehr amüsiert! Es war ein echter Knaller! Und Sie sind wirklich der Meinung, Sie wüssten Bescheid? Na, dann gute Nacht …“ Machen Sie an dieser Stelle einen zügigen Abgang aus der Bar und überlassen Sie den vor den Kopf gestoßenen Experten seinen eigenen Selbstzweifeln. Er hat es verdient.

Ihre Strategie etwas anpassen müssen Sie selbstverständlich, wenn Sie selber kein Thailändisch sprechen (Na hören Sie mal! Nach 15 Jahren dürfte man das aber schon erwarten!). In diesem Fall geben Sie sich am Ende einfach als Langansässiger zu erkennen: „Also, was Sie mir in den letzten 20 Minuten so geduldig von Ihnen angehört habe, deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen überhaupt nicht. Ich lebe nämlich bereits seit 15 Jahren hier … aber amüsiert habe ich mich dennoch königlich über ihre angeblichen Expertenratschläge. Vielen Dank!“ Nun wird ihr Gegenüber ganz klein mit Hut und wird versuchen, sich zu rechtfertigen. Lassen Sie sich bloß auf keine weiterführende Diskussion ein. Abgang ist angesagt. Der angebliche Experte soll seine Lektion lernen und Sie dürfen ihm nicht die Gelegenheit geben, sich nun aus der Affäre zu reden.

Diese Masche habe ich im Lauf der Jahrzehnte unzählige Male mit Erfolg angewendet. Die selbst ernannten Thailand-Experten sterben nämlich nicht aus. Es gab sie damals genauso wie heute. Die Gefahr, sich Prügel einzufangen, ist ebenfalls sehr gering (und falls es dennoch einmal passiert, war es den Spaß allemal wert). Bei nahezu allen dieser Thailand-Experten handelt es sich um Menschen mit geringem Selbstbewusstsein. Auf gut Deutsch: Sie sind Schlaffis. Sie müssen sich profilieren, sie brauchen das Gefühl, als Experten bewundert und gehört zu werden. Sie schneiden auf, weil sie sich dadurch besser über sich selber und ihre eigenen Unzulänglichkeiten fühlen können. Entlarven Sie sie als Aufschneider, halten Sie ihnen eigentlich nur einen Spiegel vor – und das hilft den Betreffenden, sich selber zu erkennen. Sie tun ihnen also sogar noch einen Gefallen. Auf jeden Fall habe ich es immer so gesehen. Heutzutage sind meine Ausflüge in die Touristen-Ghettos von Sukhumvit Road, Pattaya, Phuket und Hua Hin praktisch gestorben. Ich habe wirklich Besseres zu tun als Thailand-Experten fangen zu gehen und auflaufen zu lassen.

Vermissen tue ich es manchmal, denn man stieß bisweilen auf wirklich bizarre Typen. Ich erinnere mich mit Gänsehaut an jenen Experten, der mir an einer Bierbar in Pattayas Soi 6 eine geschlagene Stunde lang seinen Schwachsinn auftischte, nur um mich dann aus heiterem Himmel zu fragen: „Wie groß ist Bangkok eigentlich?“ Ich blickte ihn verdutzt an. „Flächenmäßig, meine ich …“, holte er aus. Ich hatte mich ihm zuvor nämlich als „nur gelegentlicher Pattaya-Besucher“ zu erkennen gegeben und vorgelogen, ich würde mich eigentlich nur in Bangkok auskennen. „Die Stadt selber hat etwa 1500 Quadratkilometer, aber Bangkok ist ja auch eine eigenständige Provinz und die hat …“ Er unterbrach mich mitten im Satz. „Was redest Du denn da für einen Stuss?! 1500 Quadratkilometer! Das stimmt doch nicht! Das würde ja bedeuten, die Stadt wäre 1500 Kilometer lang und 1500 Kilometer breit. So groß ist ja das ganze Land nicht!“ Ich traute meinen Ohren nicht und erwiderte, es wäre zwar richtig, dass ein Quadratkilometer einen Kilometer lang und einen Kilometer breit ist, aber … Und wieder fuhr er mir dazwischen: „Na, sag ich doch! Also kann es doch niemals sein, dass Bangkok jeweils 1500 Kilometer lang und breit ist!“ „Ist es ja auch nicht, sondern nur die Quadratwurzel aus 1500; und das wäre grob überschlagen etwa 38 km mal 38 km …“, versuchte ich zu erläutern. „Also ist es nur 39 Quadratkilometer groß und nicht 1500 Quadratkilometer!“, beharrte der mathematisch offenbar auf dem Stand eines Erstklässlers Stehengebliebene. Und wissen Sie was, geneigter Leser? Das signalisierte meinen Abgang. Mit solchen „Experten“ kann man nicht diskutieren, denn sie wissen sowieso alles besser.

Erschienen in der TIP-Ausgabe 2016-6

 

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