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Arnaud Dubus – Der Tod eines Auslandskorrespondenten

Arnaud DebusFoto: Facebook

Der nachfolgende Artikel, veröffentlicht am 3. Juni 2019 auf der Blogseite medipart.fr, wurde von Mitgliedern der thailändischen Zweigstelle der französischen Journalistenvereinigung „Union de la presse francophone“ (UPF) gemeinschaftlich verfasst und als Nachruf ihrem kürzlich verstorbenen Kollegen Arnaud Dubus gewidmet. Er stellt am Schicksal von Dubus eindringlich dar, mit welch widrigen Umständen viele  Auslandskorrespondenten trotz ihrer oft jahrzehntelangen Erfahrung in einer Medienlandschaft zu kämpfen haben, die sich durch das Internet und sogenannte „Netizen-Journalisten“ sehr zu ihren Ungunsten gewandelt hat. Die Übersetzung aus dem Englischen erfolgte durch Thomas Schmid.

Unser Kollege und Freund Arnaud Dubus ist gestorben. Am Montag, den 29. April, verließ der frühere Korrespondent, der erst kurz zuvor eine Stelle als Sprecher der französischen Botschaft in Bangkok angenommen hatte, ohne Aktentasche und Handy sein Büro. Er setzte sich auf ein Motorradtaxi und ließ sich zur nächsten Skytrain-Station bringen. Mit der Rolltreppe gelangte er auf die Plattform, schwang sich über die Brüstung und stürzte auf die Straße in die Tiefe. Wenige Minuten später war er tot. Wir, seine Freunde und Mitglieder der kleinen Gemeinde französischer Journalisten in Bangkok, sind über seinen Selbstmord erschüttert. Wir haben einen geschätzten Freund verloren, eine wahre Wissensquelle über die Kultur und Mysterien Südostasiens, einen einfühlsamen und weichherzigen Mann. Wir sind aber auch schockiert, weil sein Tod symptomatisch ist für den täglichen Lebenskampf tausender, über die ganze Welt verstreuter Auslandskorrespondenten.

Niemand wird jemals in der Lage sein, den inneren Kampf und die persönlichen Gründe zu erklären, die Arnaud zu seiner finalen Entscheidung trieben. Aber uns allen ist bekannt, dass seine finanziellen Schwierigkeiten sein Gemüt in schwere Mitleidenschaft gezogen hatten, vor allem im Verlauf des letzten Jahrzehnts. Obwohl er mehrere Jahrzehnte lang großen französischen Medien, einschließlich (der Tageszeitung) Liberation, Radio France Internationale und (dem Nachrichtenmagazin) Le Temps Beiträge beigesteuert hatte, war es ihm in den vergangenen Jahren nicht mehr möglich, seinen Lebensunterhalt davon zu bestreiten. Im letzten Jahr zwang ihn das sogar zu einem Karrierewechsel. Arnaud musste diesen Schritt unternehmen, obwohl er ein anerkannter Südostasienexperte war, der viele exzellente Artikel und Reportagen produziert hatte: Über die Roten Khmer, die Militärpolitiken Thailands und Myanmars, die Machtkämpfe innerhalb des Buddhismus; und vor nicht allzu langer Zeit hatte er sogar einen riesenhaften Korruptionsskandal in Malaysia aufgedeckt. Arnaud Dubus war einer der führenden französischsprachigen Journalisten in Südostasien. Und doch blieben seine an Zeitungen versandten Artikelangebote immer öfter unbeantwortet. Während seiner jährlichen Besuche in den Pariser Redaktionen fühlte er immer häufiger, dass einige der Redakteure ihn links liegen ließen – ihn, einen Reporter mittleren Alters im selbst auferlegten Exil; einen spindeldürren, zurückhaltenden und bescheidenen Autor, der über eine exotische Region der Welt schrieb, die nur wenige Weltmedien interessiert.

Die Druckmedienkrise und die damit einhergehende, zunehmende Nutzung der Tageszeitungen von Agenturmaterial ließ sein Einkommen jedes Jahr immer ein kleines bisschen mehr schrumpfen. Doch er beklagte sich niemals. Dazu war er viel zu bescheiden. Aber es war ihm auch zu peinlich, so spät in seinem Leben gezwungen zu sein, seinen Lebensstandard zu senken, als dass er es jemals Menschen außerhalb seines engsten Kollegenkreises zu Gehör gebracht hätte. Die Zeitung Liberation stornierte sein kostenloses digitales Abonnement mit der Ausflucht, er würde ihr nicht mehr genügend Beiträge liefern. Radio France Internationale (RFI), ein staatlicher Radiosender, stoppte vor kurzem alle Zahlungen von Krankenversicherungs- und Rentenbeiträgen für freiberufliche Mitarbeiter in Übersee. Das betraf auch Arnaud. Über das vergangene Jahrzehnt hatte Arnaud mit Depressionen zu kämpfen, die medizinisch behandelt werden mussten. Als RFI die Zahlungen einstellte, konnte er sich diese Behandlungen nicht mehr leisten.

Man war aufseiten der Redaktionen wohl der Meinung, er solle sich mit seinem mageren Freiberuflereinkommen zufriedengeben – das waren zwischen 700 und, wenn es einmal besonders gut gelaufen war – 1600 US$ (615–1400 Euro) monatlich. Wir wollen auch noch kurz einige andere Zahlen beleuchten: Internationale Zeitungen zahlen heutzutage weniger als 100 US$ (88 Euro) für einen Kurzbericht von 250 Wörtern. Für eine größere Reportage, deren Zusammenstellung allerdings eine gute Woche in Anspruch nimmt, erhält man gerade einmal 700 US$. Diese Raten sind in den letzten 15 Jahren unverändert geblieben. Wer für seine eigenen Spesen aufkommen muss, einschließlich Hotel, Transport, Übersetzungen (im Gegensatz zu den allermeisten anderen ausländischen Journalisten in Thailand sprach und las Arnaud allerdings Thailändisch), für den rechnen sich solche Vergütungen nicht mehr. Im Klartext: Wie viele in unserer Berufssparte, so konnte sich auch Arnaud die Berichterstattung schlichtweg nicht mehr leisten. Man mag uns auf dem Druckpapier und den Radiowellen zwar hochkarätig als „Auslandskorrespondenten“ betiteln, doch die Mehrheit unter uns sind freiberufliche Journalisten ohne festes Gehalt, ohne Krankenversicherung … und ohne die finanziellen Ressourcen, die wir benötigen, um Reportagen zu recherchieren.

Arnaud begrüßte die „Sonderberichterstatter“, welche die Redaktionen zu großen Anlässen bei ihm einfliegen ließen, stets mit seinem weichen, ironischen Lächeln, obwohl sie ihm eigentlich die Jobgelegenheiten, die es ihm erlaubt hätten, sich ein wenig Geld auf die Seite legen zu können, abgenommen haben. Von einem „Auslandkorrespondenten“ erwarten die Redaktionen das Beitragen neuer Perspektiven und umfassende Erfahrung in den exotischsten Gegenden der Welt. Doch für wichtige Ereignisse schicken sie lieber einen (sowieso Festgehalt beziehenden) Mitarbeiter aus der Heimat, der die Marke und das Prestige der jeweiligen Publikation angemessen „repräsentieren“ kann. Als ob ein langjähriger freiberuflicher Mitarbeiter nicht dazu in der Lage wäre.

Arnaud kannte sich bestens mit thailändischer Geschichte und Kultur aus und er war stets bemüht, Neues dazu zu lernen. Er publizierte mehrere akademische Bücher, einschließlich das bemerkenswerte Werk „Buddhismus und Politik in Thailand“ (Verlag: Institut pour la Recherche sur l’Asie Contemporaine, 2018). Doch auch das war nicht genug, um ihm seinen Lebensunterhalt sicherzustellen. Vielen anderen Auslandskorrespondenten ergeht es ähnlich. Sie müssen sich um zusätzliche Jobs bemühen, um Geld in die Kasse zu bringen; als Übersetzer, Lehrer, in Public Relations … kurzum alles, was dabei hilft, die nächste Miete bezahlen zu können. Journalismus macht eine Rückentwicklung zu einer Art Hobbybeschäftigung durch, so wie die Berufssparte im 19. Jahrhundert angefangen hatte, als sie nur von Zeitgenossen aufgegriffen werden konnte, welche finanziell unabhängig waren.

Die unsichere Situation heutiger freiberuflicher Journalisten ist jedoch nicht nur ans Finanzielle geknüpft; es gibt auch einen juristischen Aspekt. Im Verlauf der letzten 30 Jahre musste Arnaud alljährlich im Dezember das peinvolle Ritual der Journalisten-Visumsverlängerung in Thailand über sich ergehen lassen. Freiberufliche Journalisten ohne festen Arbeitsvertrag müssen ihre journalistische Tätigkeit im Lande gegenüber den hiesigen Behörden so gut rechtfertigen, wie es geht. Einige Redaktionen weigern sich aber sogar, dem Journalisten einen Brief auszustellen, der bestätigt, dass sie von Zeit zu Zeit seine Dienste in Anspruch nehmen. Man fürchtet sich offenbar davor, dass ein solcher Bestätigungsbrief [der bei den Behörden zur Unterstützung der Visumsverlängerung vorgelegt werden kann; Anmerkung d. Redaktion] später in einer potenziellen Gerichtsfehde eingesetzt werden könnte. Diese unsichere Situation betreffend des Journalistenvisums bringt es mit sich, dass Korrespondenten bei Ablehnung buchstäblich von heute auf morgen des Landes verwiesen werden können oder zumindest ihren Beruf aufgeben müssen – und zwar egal, ob es sich bei ihnen um Neulinge oder altgediente Langansässige handelt, die hierzulande Familien gegründet haben.

Insgeheim von der Ignorierung durch Redakteure verletzt, erschöpft vom jahrzehntelangen Jagen nach Aufträgen und angewidert von seinem nicht enden wollenden finanziellen Engpass, hängte auch Arnaud Dubus so wie viele seiner Kollegen den Journalistenhut letztendlich an den Nagel. Er akzeptierte ein Jobangebot von der französischen Botschaft in Bangkok als stellvertretender Botschaftssprecher. Dafür erhielt er einen örtlichen Arbeitsvertrag mit einem Monatsgehalt von 1600 US$. Bereits 55 Jahre alt, sehnte sich Arnaud mit seiner Ehefrau Noo nach einem stabileren Dasein. Er wünschte sich so sehr, eine Eigentumswohnung zu kaufen; etwas, das er sich als Freiberufler nie hatte leisten können. Doch das Umsatteln von Presse auf Diplomatie und die damit einhergehenden tausendfachen kleinen Erniedrigungen, welchen er im Büroleben ausgesetzt wurde, stellten sich für diesen sanftmütigen und aufrichtigen Mann, der sich stets allzu formellen, steifen Unterhaltungen ferngehalten hatte, als zu große, unerträgliche Bürde heraus. Seine engsten Freunde sagten, er hätte es niemals verkraftet, dass er dem Journalismus Lebewohl sagen musste. „Ich muss feststellen, dass Freiheit das allerwichtigste Gut im Leben ist“, schrieb er nur wenige Wochen vor seinem Tod an einen Kollegen.

Arnaud Dubus, der Geschichtenerzähler und eine echte Brücke des Intellekts, die Asien und Europa miteinander verknüpfte, hat uns verlassen. Wir, die wir zurückblieben, mussten zusehen, wie zusammen mit Arnaud auch ein Teil des Geistes und der Ethik unseres Berufszweiges starb.

Dieser gemeinschaftliche Artikel ist von seinen Freunden und Kollegen – allesamt Mitglieder der Union de la Presse Francophone in Thailand – dem Andenken von Arnaud Dubus gewidmet: Christelle Célerier, Christophe Chommeloux, Yvan Cohen, Olivier Cougard, François Doré, Charles Emptaz, Thierry Falise, Loïc Grasset, Didier Gruel, Carol Isoux, Olivier Jeandel, Olivier Languepin, Régis Levy, Thibaud Mougin, Olivier Nilsson, Patrick de Noirmont, Roland Neveu, Philippe Plénacoste, Pierre Paccaud, Bruno Philip, Jean-Claude Pomonti, Pierre Quéffelec, Vincent Reynaud, Laure Siegel, Stephff, Catherine Vanesse.

Wir bedanken uns außerdem bei unserem Kollegen Tom Vater, der die Übersetzung dieses Nachrufs aus dem Französischen bewerkstelligte.

Erschienen in der TIP-Ausgabe 2019-7.
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